MON AMI

ÜBER DEN SPIELORT

Das Mon Ami ist ein städtisches Kulturhaus mit einer bemerkenswerten Historie, an der sich die neuere Kultur- und Gesellschaftsentwicklung exemplarisch abbildet. Gebaut wurde das Gebäude ab 1858, getragen von der bürgerlichen 'Erholungsgesellschaft', zu deren Mitgliedern unter anderem auch Franz Liszt gehörte. Das Mon Ami steht in Ort, Gestalt und Funktion für den stets wachsenden Drang zu bürgerlicher Emanzipation gegenüber feudaler Hegemonie.


Schon das Grundstück, heute innerstädtisch, wurde einem Sumpfgebiet aufwändig abgetrotzt und durchbrach die alte Stadtmauer. Mit dem Kasseturm im Norden, dem Niketurm im Süden und den Laubengängen bildet das 'Mon Ami' eine Achse, die gestalterisch das deutsche Mittelalter mit der griechischen Antike verbindet. Die vorgetragene, genehmigte Nutzung war Brautschau für die Bürgersöhne und Kulturpflege in Form von fröhlichem musikalischem Dilettieren.

Auf den zweiten Blick entdeckt man das Mon Ami als Ort gelebter gesellschaftlicher Realität. Das Gebäude barg das erste bürgerliche Forum in Weimar, einen öffentlichen Ort außerhalb der eigenen Stuben und Gärten, an dem sich Bürger treffen und verweilen konnten. Das Mon Ami war auch Treffpunkt der Goethe- und die Shakespearegesellschaft, beide damals zwar noch stramm national und demokratiekritisch gesinnt, aber doch schon ein Funke bürgerlicher, nicht fürstlicher Definition und Rezeption von Hochkultur.
Während der Nationalversammlung 1919 diente das Mon Ami als Pressezentrum.

Nach einem kurzen aber dennoch namensstiftenden Intermezzo als Casino der amerikanischen Streitkräfte dient das Mon Ami in der DDR als Kulturzentrum in einer bemerkenswerten Mischung aus Institutionalität und Anarchie, immer zwischen Vereinahmung und Emanzipierung pendelnd. Noch im diesjährigen Staatsakt zur Feier der Weimarer Republik werden die tradierten Rollen sichtbar: das Deutsche Nationaltheater sendet wohlfeile staatstragende präsidiale Ansprachen, im Mon Ami diskutiert man derweil über Umweltschutz, Sozialreformen und partitzipative Demokratie.

In diesem Jahr möchten wir die Gewinner dieser Einreichung einladen, in Weimar einen zweitägigen Workshop zur dramaturgischen Stoffentwicklung gemeinsam mit der Dramaturgie des Deutschen Nationaltheaters abzuhalten. Ziel ist es, aus der 30-sekündigen Einreichung eine tragfähige Narration, musikalische Dramaturgie, Stoff- und Figurenentwicklung herauszuarbeiten, die anschliessend in einer endgültigen Produktion umgesetzt werden soll. Der Workshop findet nach Absprache mit den Preisträgern zeitnah zur Preisvergabe Ende April / Anfang Mai in Weimar statt.

FOTOS

Verwendung der Fotos nur mit Bildnachweis: © Henry Sowinski, Genius Loci Weimar 2019