MARSTALL

ÜBER DEN SPIELORT

Die Festivalstrecke beginnt an ihrem tiefsten Punkt, dem ehemaligen Marstall am Kegelplatz. Einst als Großherzoglicher Marstall erbaut und genutzt, wurde der Komplex unter den Nationalsozialisten zum Sitz der Gestapo. Die Gefängniszellen im Keller sind noch heute sichtbares Zeugnis der zeitweise grausamen Nutzungsgeschichte des Gebäudeareals.

Direkt gegenüber dem Weimarer Stadtschloss und in unmittelbarer Nähe der Ilm gelegen, zeigt sich ein Gebäude, an dessen Nutzungsgeschichte auch der Wandel der Zeiten und Unzeiten in den vergangenen Jahrhunderten offenkundig wird.

Es befanden sich hier bereits seit dem 15. Jahrhundert Wirtschaftsgebäude und Pferdeställe, doch erst 1873 entstand auf diesem Boden der Marstall, wie wir ihn heute vorfinden. Der repräsentative, dreiflügelige Neorenaissancebau wurde nach Plänen von Carl Heinrich Ferdinand Streichhan errichtet und als Hofpoststall und Kurierstation genutzt.

Während der „Weimarer Republik“ kam es zur Umnutzung des Gebäudes: 1921 zog das ehrwürdige Justiz- und Volksbildungsministeriums in das Gebäude ein.

Die Transformation zu einem grausigen Schreckensort mitten in Weimar begann mit dem Prozess der „Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ ab 1935, der das bisherige Justizministerium auflöste. Das Areal wurde bis Kriegsende zum Dreh- und Angelpunkt der Geheimen Staatspolizei, die die Räume des östlichen Flügels in Beschlag nahm. Sukzessive wurden im Hof eine große Verwaltungsbaracke mit Büroräumen und einem doppelwandig isolierten Vernehmungszimmer errichtet, in der ehemaligen Remise ein Behelfsgefängnis mit zwölf Zellen. Der Umbau erfolgte dabei größtenteils durch KZ-Häftlinge aus dem nahe gelegenen Buchenwald. Die ehemalige Reithalle nutzte die Gestapo ab 1942 als Sammellager für Transporte jüdischer Menschen in die Vernichtungslager im besetzten Polen. Der im April 1945 angeordnete Befehl zum „geordneten Rückzug“ bedeutete die Auflösung der Leitstelle und gleichzeitig ein Massaker an den letzten noch verbliebenen 149 Häftlingen. Sie wurden in den Webicht, ein Weimar vorgelagertes Wäldchen getrieben und erschossen.

Heute sind in der Hauptanlage die Akten, Magazine und Dokumente des Hauptstaatsarchivs Weimar und des Thüringischen Landesarchivs untergebracht, ein Lesesaal lässt die Geschichte der Stadt an einem ihrer unmittelbaren Schauplätze studieren.

Auch künstlerisch wurde der historische Ort mit seiner wechselvollen Geschichte bearbeitet: Mit der 2002 abgeschlossenen Installation „Zermahlene Geschichte“ entstand im Innenhof des Marstall-Areals aus Bruchstücken der Vergangenheit ein „Erinnerungsort“, der die vergangenen Unzeiten unmittelbar präsent werden lässt.

FOTOS

Verwendung der Fotos nur mit Bildnachweis: © Christian Rothe, Genius Loci Weimar 2020