Hinter dem Kollektiv aus Russland, 404. zero, stehen die Video- und Soundkünstler Kristina Karpysheva und Alexander Letsius. Als Musiker zeigen sie ihre AV-Performances auf Festivals rund um den Globus und haben mit ihren generativen Videoperformances 2011 das Bolshoitheater in Moskau bespielt.

"Alchemy"

Mit ihrer Adaption 'Alchemy' haben die Gewinner mit treffsicherer Hand einen sehr aktuellen Nerv getroffen: moderne Alchemie, ausgedrückt durch Computercode. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, und streng im Gödelschen Sinne generiert jedes hinreichend komplexe System Aussagen, die weder formal bewiesen noch widerlegt werden können. Neuronale Netze und künstliche Intelligenzen entziehen sich darüber hinaus sogar dem Herrschaftswissen des Programmierers. Ein generatives System gibt sich in faustischen Sinne auf die Suche nach dem Stein der Weisen. Genau wie der Meister thematisieren und exponieren 404.zero in beeindruckender atmosphärischer Dichte die  Fragestellung, aber überlassen das Dilemma der Suche nach Auflösung ein weiteres Mal dem Betrachter selbst.

ÜBER DEN SPIELORT

SALVE Fast 50 Jahre wohnte und arbeitete der Dichterfürst in seinem Wohnhaus am Weimarer Frauenplan. Goethe hinterliess darin unter anderem 18.000 Mineralienproben, über 9.000 Blätter Graphik, rund 4.300 Handzeichnungen und eine Bibliothek mit 8.000 Bänden. Goethes Wohnhaus umfasst ein ganzes Areal inklusive umfriedetem Garten, Hinterhaus, Kutschenremise und Mineralienpavillion. Das nach aussen recht groß geratene aber grundsätzlich schlicht gehaltene barocke Stadthaus überrascht in seinem Inneren mit einer inspirierenden Innenarchitektur mit einer interessanten Farbgestaltung, einer dominanten Raumflucht entlang der Stadtfassade und einer sehr ausladend angelegten, einer toskanischen Villa nachempfundenen Treppenanlage. Wer über die Türschwelle mit den Intarsien 'Salve' (lat. 'Sei gegrüßt') tritt, schreitet gleichzeitig aus dem grob gepflasterten thüringischen Weimar in einen eigenen Kulturkosmos voller klassischer und klassizistischer Anregungen, Referenzen und Weisheiten.

Kein Satz, kein Absatz kann das Werk und das Wirken des Titanen der Weimarer Klassik erschöpfend beschreiben. Sein Lebensweg war genauso lang wie umfassend wie widersprüchlich. Als jungen Anwalt prägte Goethe in Frankfurt die Verurteilung und Hinrichtung einer Kindsmörderin, eine Fragestellung, die er umgehend in seiner juristischen Examensarbeit thematisiert. Literarisch nimmt er dieses Thema auch in der Gretchentragödie auf, fühlt sich höchst empathisch in die dilemmatische Situation der jungen Frau ein. Im wahren Leben befürwortet er als Mitglied des Consiliums die als Pfählung ausgeführte Hinrichtung der Weimarer Magd Johanna Catharina Höhn, empfindet sich zeitgleich als Aufklärer, Strafrechtsreformator und Kritiker der Todesstrafe. Eine eigens zu Ehren seines achtzigsten Geburtstages anberaumte Inszenierung des 'Faust' wurde von ihm in der Vorbereitung minutiös begleitet, die Aufführung jedoch von ihm empört boykottiert. Rückblickend empfand er nicht sein literarisches Schaffen, sondern seine Farbenlehre als das Hauptwerk seines Lebens.

Goethes Einfluss und Renommé ist unbestritten. Schon mit 26 Jahren trat Goethe in die Dienste des mit 24 Jahren ebenso jungen Weimarer Fürsten Carl August und leitetet unter anderem für 25 Jahre das Weimarer Hoftheater. Die wichtigste und prägendste Beziehung Goethes während des ersten Jahrzehnts am Weimarer Hof war die zu der Hofdame Charlotte von Stein, an die er circa 1770 Briefe richtete. Der Götz von Berlichingen machte Goethe in der Literatur, Die Leiden des jungen Werther in ganz Europa bekannt. Goethe tangierte mit seinen Werken philosophische und auch ganz lebenspraktische Fragen, die sich für das Bürgertum mit den Wertekatastern der Aufklärung ergab. Dabei werden die Fragestellungen und Konflikte stets exponiert und gekonnt dramatisiert, eine schlüssige Gesamthaltung oder gar eine resultierende Philosophie dazu liefert Goethe bewusst nicht: „Für Philosophie im eigentlichen Sinne hatte ich kein Organ“.

FOTOS

Verwendung der Fotos nur mit Bildnachweis: © Eric Seehof, Genius Loci Weimar 2018

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