SPIELORTE 2017

HERDERKIRCHE
CRANACHHAUS
NOTENBANK

Mit den diesjährigen Spielstätten Herderkirche, Cranachhaus und Notenbank öffnen wir ein Triptychon, das uns von den Wagnissen eines neuen Glaubens erzählen soll, von den Pionieren der Mediengeschichte im Strudel einer neuen Öffentlichkeit und den Götzen des 21. Jahrhunderts.


Der Beginn der Reformation – mit 1517 datiert auf das Jahr des Erscheinens von Luthers 95 Thesen - war kein plötzlicher Blitzschlag, sondern ein komplexer Prozess. Ihr gingen verschiedene Gedanken voraus, sie wurde ermöglicht und provoziert durch die gesellschaftlichen Umstände ihrer Zeit und spaltete nicht nur die Kirche, die sie reformieren wollte, sondern letztendlich einen ganzen Kontinent. So liegt es nahe, nicht nur das theologische Ereignis begreifen zu wollen, sondern genau hinzusehen in welchem gesellschaftlichen Mutterboden sie erwachsen ist, mit welchen Blüten sie sich schmückte und welche Früchte sie heute für uns trägt.


Am Ende des Mittelalters war die Christenheit mit einer Welt konfrontiert, die auf den Kopf gestellt schien. Kolumbus hatte mit seiner Entdeckungsfahrt die Erde vergrößert, der Buchdruck entfachte einen nie dagewesenen Austausch von Gedanken, Bildern und Ansichten und schließlich schleudert Kopernikus die Menschheit aus dem Mittelpunkt des Universums. Und mittendrin erscheint dieser Augustinermönch Luther und rüttelt an der letzten noch bestehenden Weltordnung. Luthers Gedanken sind nicht ganz neu, aber er spricht in derbem Ton, deutsch wie das Volk und verzaubert die Massen. Man machte sich ein Bild von ihm, gedruckt und vervielfältigt in der Stube des großen Künstlers und umtriebigen Geschäftsmannes Lucas Cranach, der die neue Macht der Massenmedien sofort erkennt.


Nicht nur wegen der endemischen Pestepidemien war dem mittelalterlichen Europäer der Tod und das Jenseits stets vor Augen. Die mittelalterliche Kirche versprach gegen diesseitiges Geld jenseitiges Seelenheil, was kaum überraschend zu einer Fiskalisierung der Religion führte. Die junge Reformation stellte sich dieser Kommerzialisierung entgegen, was genauso wenig überraschend erbitterte Feindschaften, aber auch neue Freundschaften mit sich brachte.


Wenn man Max Webers streitbarer These zur Wahlverwandschaft protestantischer Ethik und dem entstehenden Kapitalismus recht gibt, führen die verschlungenen Wege der Reformation auch zum Erstarken des Calvinismus, zu dessen Grundannahmen die Vorbestimmtheit der Auserwähltheit des Einzelnen gehört, und wirtschaftlicher Wohlstand als Zeichen genau dieser Erwählung. In unserer heutigen überzeugten Ergebenheit gegenüber wirtschaftlicher Alternativlosigkeit und alternativlosen Wirtschaften kein neues Monopol des Glaubens zu sehen, fällt auffallend schwer. Daher feiern wir nicht nur 500 Jahre Luthers Thesen, sondern auch 150 Jahre ‚Das Kapital‘ von Karl Marx, zwei Werke, die die Welt wie wir sie heute kennen entscheidend mitgeprägt haben.