VIDEOMAPPING-SHOW TEMPELHERRENHAUS

21:30–00:15 Uhr, alle 30 min. | frei

letzte Show startet um 00:00 Uhr


Park an der Ilm, 99423 Weimar

ROMANZERO

Visuals: Michael Schinköthe, Stefan
Kowalczyk, Dirk Rauscher

Musik: Patrick Föllmer

Mystische Stimmungen, Märchen, Natur und Pathos, aber auch Bilder von Vergänglichkeit stehen am Anfang einer Geschichte, die abstrakt zu neuen Bildern führt. Die Ruine des Tempelherrehauses illuminiert sich im Kontext des Ilmparks als Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen nach Natur, aber auch als scheinbare Flucht in Vergangenes, als trügerische Utopie. Die Vergegenwärtigung vergangener Sehnsüchte auf der einen Seite und die Inszenierung der Ruine als Akteur und Bühne auf der anderen Seite formen den Rahmen, in dem sich die Geschichte entwickelt. Mit Hilfe von Lichtspielen wird das Gebäude neu geformt und erfahren. Die handgezeichneten, schwarz-weissen Illustrationen interagieren mit realen oder scheinbar realen Bereichen des Gebäude. Das Tempelherrenhaus baut sich auf, öffnet sich und zerfällt am Ende um sich wieder neu zu erschaffen.

Gegründet 2010 als Bürogemeinschaft freier Gestalter, sieht sich Greatmade heute als Kollektiv für ganzheitliches Kommunikationsdesign, mit Fokus auf Schriftgestaltung und Illustration. Parallel hierzu realisieren sie eigene Projekte und Arbeiten, die von Buchgestaltung über Druckgrafik bis hin zu Fassadengestaltung und VJ-ing gehen. Die Ergebnisse entstehen aus der Zusammenarbeit spezialisierter Mitglieder und befreundeter Akteure aus Architektur, Produktdesign, Druck- oder Musikproduktion. So ist bei "Romanzero" Patrick Föllmer, der Kopf des Trios von „Lilabungalow", für den musikalischen Teil des Konzeptes zuständig. Liebe, Tod, Leid, Spiel und Befreiung sind ständige Themen, die er mit den Waffen der Ironie neu skaliert. Vierter im Bunde und technisches Rückgrat des Projekts ist Dirk Rauscher, der als Motion Designer und Video Künstler seit gut 20 Jahren interdisziplinäre Bewegtbild-Projekte inszeniert. Dirk wirkt für Musiker, Labels, Festivals und Animationsstudios, setzte Installationen und komplexen VJ-ing-Performances als eine Hälfte von "Bruno Tait" um und ist ebenfalls im Feld des Fassaden-Mappings zu Hause.

DER SPIELORT

 

 

 

Anhand der Ruine des Tempelherrenhauses lässt sich nicht nur die Geschichte der Gestaltung des Ilmparks durch Bauwerke erzählen, sondern auch die Wandlung der ästhetischen Vorlieben nachvollziehen. Dabei ging es nie darum dem Zeitgeist zu entsprechen, eher waren die verschiedenen Umbauten Ausdruck einer Sehnsucht nach idealisierten, vergangenen Zeiten und Lebensformen. Übrig bleibt ein wildes Konglomerat der Stile, das sogar noch als Ruine eher einem Bühnenbild als einem Gebäude gleicht.

Nachdem die höfische Gesellschaft 1774 im großen Schlossbrand die meisten ihrer Veranstaltungsorte verlor, wurde das ursprüngliche Gewächshaus im ältesten Teil der Parkanlagen zum „Gotischen Salon“ ausgebaut und von da an für Maskenbälle, eskapistische Rollenspiele und sommerliche Vergnügungen genutzt. Der Architekt Johann Rudolf Friedrich Steiner wählt dafür schon die bauliche Form eines historischen Zitats und begreift „Gotische und Klassische Formen als Konfigurationen der einen ästhetischen Moderne“. Ein Trugbild, denn einige der Spitzbogenfenster werden nur aufgemalt, künstliche Ruinen rundherum arrangiert und die Zinnen mit Skulpturen der Ritter des Tempelordens bestückt, die eher einen Mythos heraufbeschwören als einer Gedächtniskultur zu dienen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird der Umbau zu einem neugotischen Tempel vorgenommen, bei dem nicht nur der von Goethe konzipierte Turm angebaut, sondern auch Platz für eine Kapelle geschaffen wird.

So werden im Laufe der Jahre viele Konzerte gegeben u.a. von Franz Liszt, der oft weit in die Nacht hinein dort spielte, da sich sein Wohnhaus in unmittelbarer Nähe befand. Nach der Gründung des Bauhauses, dient es dem Maler Johannes Itten als Atelier, der zu dieser Zeit den Vorkurs der Bauhaus Universität leitet und Dozent für Wand- und Glasmalerei ist. Es wird von legendären, rauschenden Festen berichtet.

In den letzten Augenblicken des Zweiten Weltkriegs wird es durch die Fliegerbomben der Alliierten größtenteils zerstört, während die Bevölkerung Weimars in den Luftschutzräumen der darunter liegenden Parkhöhlen Zuflucht sucht. Erst 1998 wird es restauriert und inspiriert mit seiner mystischen Präsenz nicht nur die Besucher des Parks zum Verweilen sondern auch den Elektronikkünstler Moby zu einem Plattencover.

Das Tempelherrenhaus steht wie kaum ein zweites Bauwerk für das Spannungsfeld von Wunsch und Wirklichkeit, Schein und Sein und der Sehnsucht nach vergangenen oder künftigen Utopien. Die Ruine des Tempelherrenhauses wird oft für eine ‘künstliche’, romantische Ruine gehalten, welche sie aber gar nicht ist. In kaum zu überbietender Ironie und Vielschichtigkeit wird hier dem fälschlicherweise für falsch gehaltenen Echten, welches doch nie ganz echt gewesen war, während des Genius Loci Weimar Festivals mit einem Videomapping eine weitere Bedeutungsebene hinzugefügt.